copyright by Andrea Mora
title: KINSKI.II (2002-2003)
digital painting, 168 * 118,8 cm

IN AMSTERDAM HABEN die Holländer van Gogh gleich ein
ganzes Museum errichtet und seine Bilder zusammenge-
pferchert wie Sträflinge in einem überlegten Zuchthaus
- wie eingefangene Tiere im Zoo, wo der Polarbär auf
dem Betonboden seiner Todeszelle in Zeitlupe hingerich-
tet wird. Fünf Schritte nach links. Fünf Schritte nach rechts.
Fünf Schritte im Kreis. Man spritzt die Tränen und den
Kot mit einem Wasserstrahl in den Abfluß. Manchmal
läßt man einen Tiger durch eine Schwingklappe in den
Nebenkäfig zu einer Tigerin, um ihn zu verhöhnen. Die
Affen, Wahnsinn in den Augen, strecken ihre Arme
durch die Gitterstäbe ihrer Käfige. Sie haben die Finger
ihrer Hände wie zum Gebet ineinander verkrampft und
betteln, daß man sie freilassen möge.
Hier wird van Gogh hinter stahlverblendeten Türen
mit elektrischem Licht angestrahlt, durch elektrische
Alarmanlagen sichergestellt - wie ein zum Tode Verur-
teilter, den man nur durch ein Panzerglasfenster sehen
und zu dem man nur durch Mikrofone reden darf. Jedes
Bild ist mit Staats-Stempel abgestempelt, wie eine Gefan-
gennummer. Die Besucher stehen Schlange wie nach Fast-Food.
Schieben sich ruckweise vorwärts. Next! Sie halten Infor-
mationen in den Händen, warum van Gogh sich ein Ohr
abgeschnitten hat. Manche Besucher sehen mitgenom-
men aus. Andere glotzen verständnislos, irritiert, geniert.
Manche reißen flüsternd Witze, kichern hysterisch. Ein
Mädchen zittert. Ein Mann hat Tränen in den Augen.
Viele suchen den Ausgang aus dem vermieften Museum,
in dem sicher nie ein Fenster geöffnet wird. Die bluten-
den Sonnen sind wegen Platzmangel so eng aufeinander
geschichtet wie nicht ganz tote Leiber in einem
Massengrab. Die schwelenden Sonnenblumen. Diese von
Leidenschaft und Sehnsucht so furchtbar schmerzenden
Herzen! Ja, nicht ganz tote Leiber von Hingerichte-
ten! Sie leben noch! Wie die Lämmer in Schlachthäusern,
die man sterbend auf einen Haufen anderer sterbender
Lämmer stapelt, nachdem man ihnen die Gurgel durch-
geschnitten hat - dann tritt ein Schlächer ihnen auf die
Halsschlagader, damit sie richtig ausbluten.
Ich stürze aus dem van Gogh-Museum in Amsterdam.
Auf der Straße muß ich brechen.
Ich darf nicht so enden!